# Multireligiosität und Multiethik

## Vielfalt der Religionen – Zusammenarbeit der Ethiken

### Ein Konzept für multireligiöses und multiethisches Leben

Die großen Religionen erscheinen auf den ersten Blick häufig als voneinander getrennte Systeme. Eine historische Betrachtung zeigt jedoch ein anderes Bild: Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus sind jeweils in vielfältigen kulturellen, religiösen, philosophischen und gesellschaftlichen Umfeldern entstanden. Sie haben ältere Traditionen aufgenommen, auf neue Herausforderungen reagiert, sich regional ausdifferenziert und zahlreiche Schulen und Strömungen hervorgebracht.

Religionen sind daher nicht nur **nebeneinander vielfältig**, sondern tragen Vielfalt bereits **in sich selbst**. Aus dieser Beobachtung lässt sich ein weiterführendes Konzept der **Multireligiosität** entwickeln. Ein entsprechender Gedanke lässt sich auf die Ethik übertragen: Auch unser ethisches Leben folgt kaum jemals nur einem einzigen Modell. Tugend, Pflicht, Folgen, Fürsorge, Verantwortung, Frieden, Natur und Liebe eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Situation. Daraus entsteht das Konzept einer **Multiethik**.

Beide Konzepte ähneln sich, sind aber nicht identisch. Multireligiosität fragt stärker nach religiöser Herkunft, Erfahrung, Deutung, Praxis und Zugehörigkeit. Multiethik fragt stärker danach, wie verschiedene normative Perspektiven bei der Gestaltung eines guten Lebens zusammenwirken können.

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# 1. Multireligiosität

## 1.1 Grunddefinition

**Multireligiosität ist die Wirklichkeit und Fähigkeit, dass religiöse Erfahrungen, Vorstellungen, Praktiken, Symbole und Lebensformen aus mehreren religiösen Traditionen in einem Menschen, einer Gemeinschaft oder einer Kultur gegenwärtig und wirksam sein können, sich gegenseitig beeinflussen und miteinander in Beziehung treten, ohne dass ihre Eigenarten vollständig verschwinden müssen.**

Multireligiosität bedeutet deshalb weder, alle Religionen für identisch zu erklären, noch ihre Unterschiede einzuebnen. Sie bedeutet vielmehr, religiöse Vielfalt als Beziehungswirklichkeit wahrzunehmen.

Zu ihr gehören insbesondere:

- Vielfalt wahrnehmen,
- Unterschiede verstehen,
- Gemeinsamkeiten entdecken,
- voneinander lernen,
- Eigenständigkeit bewahren,
- Spannungen aushalten,
- gegenseitige Korrektur ermöglichen,
- gemeinsam wachsen.

## 1.2 Religionen als historisch gewachsene Netzwerke

Keine große Religion entstand im luftleeren Raum. Religionen übernehmen, verwandeln und überliefern unter anderem:

- Mythen und Erzählungen,
- Rituale und Festzeiten,
- ethische Vorstellungen,
- philosophische Begriffe,
- Gebets- und Meditationsformen,
- Bilder und Symbole,
- Rechtsvorstellungen,
- Formen gemeinschaftlichen Lebens,
- kulturelle Ausdrucksformen.

Damit besitzt jede Religion eine innere Geschichte der Begegnung. Multireligiosität beginnt also nicht erst dort, wo heute Angehörige verschiedener Religionen nebeneinander wohnen. Sie gehört bereits zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte vieler Religionen.

## 1.3 Vier Ebenen der Multireligiosität

### Historische Multireligiosität

Religionen tragen Spuren älterer Religionen, Kulturen und philosophischer Traditionen in sich. Diese Spuren können übernommen, umgedeutet, bekämpft oder neu integriert worden sein.

### Kulturelle Multireligiosität

Religion wird in unterschiedlichen Kulturen verschieden gelebt. Christentum in Äthiopien, Deutschland oder Indien besitzt unterschiedliche kulturelle Färbungen; ebenso Islam in Indonesien, Marokko oder Bosnien und Buddhismus in Tibet, China oder Japan.

### Persönliche Multireligiosität

Ein einzelner Mensch kann durch mehrere religiöse Traditionen geprägt sein: beispielsweise christlich beten, jüdische Psalmen schätzen, buddhistische Meditation praktizieren oder naturreligiöse Formen der Ehrfurcht entwickeln. Entscheidend ist dabei nicht das bloße Sammeln religiöser Elemente, sondern ihre bewusste Einordnung.

### Gesellschaftliche Multireligiosität

Moderne Gesellschaften sind in Schulen, Krankenhäusern, Nachbarschaften, Familien, Arbeitsplätzen und öffentlichen Institutionen Orte religiöser Begegnung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, **ob** Multireligiosität besteht, sondern **wie sie verantwortlich gestaltet wird**.

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# 2. Multireligiös leben

Multireligiös zu leben bedeutet nicht notwendig, mehreren Religionsgemeinschaften gleichzeitig anzugehören. Es kann vielmehr heißen, **verwurzelt und zugleich offen** zu leben.

Eine anschauliche Formel lautet:

> Meine eigene Religion kann mein Zuhause sein. Andere Religionen sind Häuser meiner Nachbarn. Ich darf sie besuchen, ihre Schönheit kennenlernen und von ihnen lernen, ohne deshalb mein eigenes Haus verlassen zu müssen.

Für manche Menschen reicht dieses Bild nicht aus, weil sie tatsächlich Elemente mehrerer religiöser Traditionen dauerhaft in ihre Identität integrieren. Multireligiöses Leben bildet daher ein Spektrum von respektvoller Offenheit bis zu religiöser Mehrfachzugehörigkeit.

## Multireligiös sein

Noch grundlegender bezeichnet multireligiöses Sein die Einsicht, dass menschliche Religiosität größer ist als eine einzelne Tradition. Menschen kennen religionsübergreifend Erfahrungen wie:

- Staunen,
- Ehrfurcht,
- Vertrauen,
- Hoffnung,
- Dankbarkeit,
- Schuld und Vergebung,
- Sehnsucht,
- Hingabe,
- Sinnsuche,
- Transzendenzerfahrung.

Religionen geben diesen Erfahrungen unterschiedliche Sprachen, Geschichten, Rituale und Deutungen. Multireligiöses Sein bedeutet deshalb nicht, diese Unterschiede aufzulösen, sondern sie in einer größeren menschlichen Erfahrungslandschaft wahrzunehmen.

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# 3. Färbungen der Multireligiosität

Multireligiosität kann sehr unterschiedlich aussehen.

### Verwurzelte Multireligiosität
Eine Religion bildet das persönliche Zentrum; andere Traditionen werden aufmerksam und lernbereit wahrgenommen.

### Dialogische Multireligiosität
Begegnung, Gespräch, gemeinsames Lernen und gemeinsames Handeln stehen im Mittelpunkt.

### Suchende Multireligiosität
Ein Mensch befindet sich auf einem religiösen Suchweg und prüft Erfahrungen und Einsichten aus verschiedenen Traditionen.

### Integrative Multireligiosität
Elemente verschiedener Religionen werden bewusst in das eigene Leben aufgenommen und miteinander verbunden.

### Kulturelle Multireligiosität
Religiöse Feste, Musik, Kunst, Speisen, Erzählungen und Bräuche verschiedener Traditionen werden kulturell mitgelebt.

### Spirituelle Multireligiosität
Gebet, Meditation, Stille, Mystik, Naturerfahrung und Achtsamkeit bilden religionsübergreifende Erfahrungsräume.

### Wissenschaftliche Multireligiosität
Religionen werden möglichst aus ihren jeweiligen historischen und inneren Perspektiven verstanden und miteinander verglichen, ohne sie vorschnell auf ein gemeinsames Schema zu reduzieren.

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# 4. Ein Spektrum religiöser Haltungen

Als beschreibendes, nicht wertendes Modell kann man verschiedene Haltungen unterscheiden:

1. **Exklusiv:** Nur die eigene Religion wird als maßgeblicher religiöser Weg verstanden.
2. **Inklusiv:** Auch anderen Religionen werden Wahrheit und religiöse Einsichten zugestanden, häufig innerhalb eines eigenen Deutungsrahmens.
3. **Dialogisch:** Religionen begegnen einander als Lernpartner.
4. **Multireligiös:** Mehrere Traditionen prägen bewusst das religiöse Leben.
5. **Universell:** Religiöse Wahrheit wird grundsätzlich in vielen Traditionen und menschlichen Erfahrungen gesucht.

Diese Positionen sind keine Rangfolge. Jede kann reflektiert oder problematisch gelebt werden.

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# 5. Multireligiosität im Kolibriethos

Im Rahmen des Kolibriethos lässt sich Multireligiosität besonders gut als **Netz der Religionen** verstehen.

> **Multireligiosität bedeutet, Religionen als ein lebendiges Netzwerk menschlicher Antworten auf die Wunder des Seins zu verstehen. Jede Religion bewahrt einen eigenen Erfahrungsschatz. Keine einzelne menschliche Tradition umfasst notwendig das Ganze. In Begegnung können Religionen einander bereichern, befragen und korrigieren, ohne ihre Eigenart aufzugeben.**

Der Grundbegriff **Netz** verhindert dabei zwei Extreme:

- Isolation: Religionen werden nicht als völlig getrennte Blöcke behandelt.
- Einebnung: Unterschiede werden nicht einfach beseitigt.

Dazu treten die Kolibriethos-Begriffe **Situation, Grenzen, Begegnung und Auslegen**. Multireligiöse Begegnung braucht eine konkrete Situation, respektiert Grenzen, sucht wirkliche Begegnung und weiß, dass religiöse Traditionen immer ausgelegt werden.

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![Multireligiosität – Im Netz der Religionen](multireligiositaet.png)

*Multireligiosität: verwurzelt im Eigenen, offen für andere, verbunden im Menschlichen und ausgerichtet auf das Heilige.*

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# 6. Von der Multireligiosität zur Multiethik

Bei der Ethik stellt sich eine ähnliche, aber noch weiterführende Frage: Kann ein Mensch mehrere Ethiken zugleich leben?

Die Antwort lautet im Alltag fast zwangsläufig: **Ja.**

Menschen orientieren sich normalerweise nicht ausschließlich an einem einzigen ethischen Prinzip. Schon innerhalb eines gewöhnlichen Tages wechseln und verbinden sich unterschiedliche Gesichtspunkte:

- Verantwortung übernehmen,
- ehrlich sein,
- Regeln beachten,
- Rücksicht nehmen,
- Mitgefühl zeigen,
- gerecht entscheiden,
- Folgen bedenken,
- nachhaltig handeln,
- Grenzen schützen,
- dankbar sein.

Ein Mensch, der dies tut, verwendet bereits unterschiedliche ethische Perspektiven, selbst wenn er sie nicht philosophisch benennt.

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# 7. Definition der Multiethik

**Multiethik ist die bewusste Fähigkeit, verschiedene ethische Denkweisen, Tugenden, Methoden und Weisheitstraditionen miteinander zu verbinden, damit eine konkrete Situation möglichst umfassend und verantwortlich beurteilt und gestaltet werden kann.**

Multiethik ist deshalb keine Beliebigkeit. Sie bedeutet nicht, je nach Bequemlichkeit eine andere Moral auszuwählen. Ihr Leitbild ist vielmehr der **Werkzeugkasten**:

Ein Hammer ist nicht falsch, weil man für eine Schraube einen Schraubenzieher benötigt. Ebenso ist eine ethische Perspektive nicht wertlos, weil sie nicht jede moralische Frage beantworten kann.

Die entscheidende Fähigkeit lautet:

> **Welche ethischen Perspektiven braucht diese Situation – und wie müssen sie zusammenwirken?**

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# 8. Die wichtigsten ethischen Perspektiven als Netzwerk

## Tugendethik

**Frage:** Welcher Mensch möchte ich werden?

Sie richtet den Blick auf Charakter, Haltung und eingeübte Tugenden: Mut, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Weisheit, Geduld oder Wahrhaftigkeit.

## Pflicht- und Rechteethik

**Frage:** Was bin ich anderen schuldig und welche Rechte müssen geschützt werden?

Sie schützt Menschen davor, bloß als Mittel für andere Zwecke behandelt zu werden.

## Folgenethik

**Frage:** Welche Folgen entstehen durch mein Handeln oder Unterlassen?

Sie zwingt dazu, nicht nur gute Absichten, sondern reale Auswirkungen zu beachten.

## Fürsorgeethik

**Frage:** Wer braucht mich gerade, und was verlangt diese konkrete Beziehung?

Sie erinnert daran, dass Menschen verletzlich, abhängig und miteinander verbunden sind.

## Verantwortungsethik

**Frage:** Wofür trage ich langfristig Verantwortung?

Sie erweitert den Blick auf Zukunft, Institutionen, Technik und kommende Generationen.

## Naturethik und ökologische Ethik

**Frage:** Was braucht das Leben insgesamt?

Sie überschreitet eine ausschließlich menschenzentrierte Betrachtung und nimmt Tiere, Ökosysteme und Lebensgrundlagen in den Blick.

## Friedensethik

**Frage:** Wie können Gewalt vermindert, Konflikte bearbeitet und gerechte Friedensbedingungen geschaffen werden?

Sie verbindet Schutz, Verständigung, Konfliktbearbeitung und Versöhnung.

## Liebesethik

**Frage:** Was dient jetzt wirklich dem Leben, der Beziehung und der Entfaltung?

Liebe wird dabei nicht nur als Gefühl verstanden, sondern als aufmerksame und verantwortliche Hinwendung.

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# 9. Multiethik ist im Alltag bereits normal

Ein Straßenverkehrsbeispiel zeigt das Zusammenspiel:

- Pflichtethik: Verkehrsregeln beachten.
- Fürsorgeethik: auf Schwächere Rücksicht nehmen.
- Folgenethik: Risiken und Unfallfolgen bedenken.
- Tugendethik: Geduld und Selbstbeherrschung entwickeln.

In der Familie:

- Fürsorgeethik: Zuwendung geben.
- Liebesethik: Beziehung stärken.
- Tugendethik: Verständnis und Geduld üben.
- Friedensethik: Konflikte konstruktiv bearbeiten.

Bei globalen Fragen:

- Naturethik: Ressourcen und Lebensräume schützen.
- Verantwortungsethik: kommende Generationen berücksichtigen.
- Folgenethik: globale Wirkungen bedenken.
- Gerechtigkeitsethik: Lasten und Chancen fair verteilen.
- Liebesethik: den Wert allen Lebens wahrnehmen.

Damit zeigt sich: **Eine einzige ethische Theorie ist im Alltag häufig zu schmal.** Nicht weil sie falsch wäre, sondern weil Situationen mehrdimensional sind.

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# 10. Multiethisch leben

**Multiethisch leben heißt, in einer Situation die relevanten ethischen Perspektiven zu erkennen, sie gegeneinander zu prüfen und soweit möglich miteinander zu verbinden.**

Daraus lässt sich ein einfacher Prozess ableiten:

1. **Erkennen:** Was geschieht hier tatsächlich? Wer ist betroffen?
2. **Perspektiven öffnen:** Welche ethischen Fragen sind relevant?
3. **Abwägen:** Wo ergänzen sich die Perspektiven, wo geraten sie in Spannung?
4. **Entscheiden:** Welche Handlung wird der Situation insgesamt am ehesten gerecht?
5. **Handeln:** Die Entscheidung mit Herz, Verstand, Mut und Verantwortungsbereitschaft umsetzen.
6. **Reflektieren:** Welche Folgen hatte das Handeln? Was lässt sich lernen?

Multiethik ist damit nicht nur eine Theorie über Ethiken, sondern eine **praktische Kompetenz**.

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# 11. Multiethisch sein

Multiethik betrifft nicht nur Entscheidungen, sondern auch Persönlichkeitsbildung.

Ein multiethischer Mensch versucht verschiedene Tugenden und Fähigkeiten miteinander zu entwickeln:

- Gerechtigkeit,
- Liebe,
- Mut,
- Demut,
- Weisheit,
- Verantwortung,
- Wahrhaftigkeit,
- Geduld,
- Dankbarkeit,
- Hoffnung,
- Mitgefühl,
- Besonnenheit,
- Selbstbegrenzung.

Keine einzelne Tugend genügt. Mut ohne Besonnenheit kann leichtsinnig werden. Fürsorge ohne Grenzen kann überfordern. Gerechtigkeit ohne Mitgefühl kann hart werden. Liebe ohne Wehrhaftigkeit kann Unrecht dulden. Wehrhaftigkeit ohne Liebe kann in Feindschaft umschlagen.

Die Tugenden **korrigieren und balancieren einander**.

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# 12. Färbungen multiethischen Lebens

Wie Multireligiosität kann auch Multiethik unterschiedliche Schwerpunkte besitzen.

### Tugendorientierte Multiethik
Charakterbildung und inneres Wachstum stehen im Vordergrund.

### Beziehungsorientierte Multiethik
Mitgefühl, Nähe, Begegnung, Kommunikation und Fürsorge werden besonders gewichtet.

### Lebensorientierte Multiethik
Schutz und Entfaltung des Lebens bilden den Schwerpunkt.

### Ökologische Multiethik
Das Netz des Lebens und die langfristigen ökologischen Folgen werden zentral.

### Wissenschaftlich informierte Multiethik
Ethisches Handeln benötigt möglichst gute Kenntnisse über Tatsachen, Wirkungen, Risiken und Unsicherheiten.

### Spirituelle Multiethik
Sinn, Heiliges, Transzendenz, Ehrfurcht und innere Haltung werden ausdrücklich einbezogen.

### Kolibri-Multiethik
Liebe, Leben, Heiliges, Selbstwerdung und Weltgestaltung bilden einen Integrationsrahmen für unterschiedliche ethische Perspektiven.

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# 13. Das Kolibriethos als Integrationsraum

Das Kolibriethos lässt sich in diesem Zusammenhang weniger als Konkurrenz zu anderen Ethiken verstehen als als **Integrations- und Orientierungsrahmen**.

Seine fünf Grundregeln öffnen bereits verschiedene ethische Dimensionen:

1. **Suche die Liebe!** – Beziehung, Fürsorge, Agape und Mitgefühl.
2. **Schütze das Leben!** – Lebensschutz, Ökologie, Gewaltbegrenzung und Verantwortung.
3. **Verehre das Heilige!** – Ehrfurcht, Sinn und Transzendenz.
4. **Sei Du selbst!** – Würde, Authentizität und Persönlichkeitsentwicklung.
5. **Gestalte diese Welt!** – Initiative, Verantwortung, Gerechtigkeit und Zukunftsgestaltung.

Die Grundbegriffe **Situation – Grenzen – Netz – Begegnung – Auslegen** helfen anschließend bei der Anwendung. Gerade der Situationsbegriff ist für Multiethik entscheidend: Nicht jede Situation benötigt dieselbe Gewichtung der ethischen Werkzeuge.

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# 14. Von der Konkurrenz zur Kooperation der Ethiken

In der Philosophiegeschichte wurden ethische Schulen häufig als Konkurrenten dargestellt: Tugendethik gegen Pflichtethik, Pflichtethik gegen Utilitarismus und so weiter.

Für komplexe Lebenswirklichkeit ist eine andere Perspektive fruchtbar:

> **Ethiken können als unterschiedliche Scheinwerfer verstanden werden, die verschiedene Seiten derselben moralischen Wirklichkeit beleuchten.**

Das bedeutet nicht, dass alle ethischen Positionen miteinander vereinbar sind. Es gibt echte Konflikte, beispielsweise zwischen einer Maximierung des Gesamtnutzens und unveräußerlichen Individualrechten. Multiethik darf solche Konflikte nicht verdecken. Ihre Stärke besteht gerade darin, sie sichtbar zu machen und begründet auszutragen.

Die großen Herausforderungen moderner Gesellschaften – Klimawandel, Künstliche Intelligenz, Bioethik, Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit, Frieden – sind derart komplex, dass eine einzige Perspektive leicht blinde Flecken entwickelt.

Eine mögliche Entwicklung lautet deshalb:

**von der Konkurrenz der Ethiken zur Kooperation der Ethiken.**

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![Multiethik – Gemeinsam weise handeln](multiethik.png)

*Multiethik verbindet mehrere ethische Perspektiven. Weisheit besteht nicht darin, nur eine richtige Ethik zu besitzen, sondern zu erkennen, welche Perspektiven eine Situation braucht und wie sie sinnvoll zusammenwirken.*

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# 15. Multireligiosität und Multiethik im Vergleich

| Dimension | Multireligiosität | Multiethik |
|---|---|---|
| Ausgangspunkt | religiöse Traditionen | ethische Perspektiven |
| Hauptfrage | Wie können verschiedene religiöse Wege miteinander in Beziehung treten? | Welche ethischen Perspektiven braucht eine Situation? |
| Vielfalt | Glaube, Ritual, Mythos, Erfahrung, Gemeinschaft | Tugenden, Pflichten, Folgen, Beziehungen, Verantwortung |
| Konfliktpotenzial | teilweise hohe Unterschiede in Wahrheits- und Offenbarungsansprüchen | häufig gemeinsame Ziele, aber unterschiedliche Begründungen und Gewichtungen |
| Verbindung | Dialog, Lernen, Begegnung, Mehrfachprägung | Ergänzung, Prüfung, Abwägung, Integration |
| Gefahr | Beliebigkeit oder Einebnung religiöser Unterschiede | opportunistischer Perspektivwechsel oder unklare Prioritäten |
| Stärke | Erweiterung religiöser Wahrnehmung | Verringerung ethischer blinder Flecken |
| Kolibriethos | Netz der Religionen | Integrationsraum ethischer Perspektiven |

Ein wesentlicher Unterschied wird sichtbar: Religionen enthalten oft umfassende Welt-, Gottes- und Heilskonzepte, die sich teilweise widersprechen. Ethische Modelle konzentrieren sich stärker auf Handlungs- und Bewertungsfragen. Deshalb lassen sich ethische Perspektiven im Alltag häufig leichter kombinieren.

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# 16. Eine gemeinsame Tiefenstruktur

Multireligiosität und Multiethik könnten schließlich als zwei Ebenen eines umfassenderen Modells verstanden werden.

**Religionen** bewahren große kulturelle Speicher menschlicher Erfahrungen mit Sinn, Transzendenz, Leiden, Hoffnung, Gemeinschaft und Heiligem.

**Ethiken** entwickeln daraus und daneben Werkzeuge zur Orientierung des Handelns.

Beide leben von Vielfalt. Beide benötigen Übersetzung. Beide brauchen Grenzen. Beide können voneinander lernen. Und beide werden besonders fruchtbar, wenn Vielfalt weder bekämpft noch unterschiedslos vermischt wird.

Eine mögliche gemeinsame Formel lautet:

> **Verwurzelt im Eigenen – offen für andere – verbunden im Menschlichen – aufmerksam für die Situation – gemeinsam auf der Suche nach Liebe, Leben, Wahrheit, Gerechtigkeit und dem Heiligen.**

Damit wird Vielfalt nicht zum Problem, das überwunden werden muss, sondern zu einer Ressource, die verantwortlich gestaltet werden kann.

