# Wenn ich mich selbst nicht mag

## Wege der Selbstablehnung – und der Weg zu einer stärkenden Selbstbeziehung

Viele Menschen haben keine gute Beziehung zu sich selbst. Sie lehnen Teile ihres Körpers, ihrer Gefühle, ihrer Gedanken, ihres Willens oder ihrer Persönlichkeit ab. Diese Selbstablehnung bleibt jedoch nicht notwendig im Inneren. Sie kann **nach innen wirken, nach außen getragen werden oder sich in übermäßiger Anpassung zeigen**.

Wichtig ist eine Einschränkung: Nicht jedes schwierige oder destruktive Verhalten gegenüber anderen entsteht aus Selbstablehnung. Machtinteressen, Angst, Überforderung, erlernte Verhaltensweisen und andere Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen. Das Modell beschreibt mögliche Zusammenhänge, keine einfachen Kausalgesetze.

![Schaubild: Wenn ich mich selbst nicht mag](wenn-ich-mich-selbst-nicht-mag.png)

## 1. Wo Selbstablehnung entstehen kann

Die Beziehung zu uns selbst entwickelt sich nicht im luftleeren Raum. Schon früh erleben wir uns im Spiegel anderer Menschen. Werden wir gesehen, gehört, getröstet und in unseren Grenzen respektiert, kann daraus ein Gefühl entstehen: **Ich darf sein.**

Kritik, Beschämung, Vernachlässigung, ständiger Vergleich, überhöhte Erwartungen oder die Botschaft „Sei nicht so“ können dagegen zu inneren Stimmen werden. Was zunächst von außen kommt, kann später Teil des eigenen Selbstbildes sein.

## 2. Viele Formen des „Ich mag mich nicht“

- **Selbstablehnung:** „So wie ich bin, bin ich falsch.“
- **Selbstenttäuschung:** „Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte.“
- **Selbstverachtung:** „Ich bin minderwertig.“
- **Körperablehnung:** „Mein Körper ist nicht richtig.“
- **Leistungsablehnung:** „Ich genüge nicht.“
- **Moralische Selbstverurteilung:** „Ich bin schlecht.“
- **Soziale Selbstablehnung:** „Andere wollen mich sowieso nicht.“
- **Identitätskonflikt:** „Ich darf nicht sein, wie ich bin.“
- **Selbstfremdheit:** „Ich weiß gar nicht, wer ich bin.“
- **Nicht-Selbstspüren:** „Ich komme bei mir selbst nicht vor.“

Ein Mensch muss sich also nicht ausdrücklich hassen, um keine gute Beziehung zu sich zu haben.

## 3. Drei Bewegungsrichtungen

### Nach innen gegen mich selbst

Selbstkritik, Selbstvernachlässigung, Rückzug, Perfektionismus, Scham, Resignation oder innere Leere.

### Nach außen gegen andere

Was im Inneren schwer auszuhalten ist, kann manchmal nach außen verlagert werden: Aggression, Abwertung, Schuldzuweisung, Konkurrenz, Kontrolle oder Eifersucht. Ein möglicher Mechanismus lautet: *Wenn ich mich klein fühle, mache ich einen anderen kleiner.* Das ist jedoch keine zwangsläufige Reaktion.

### In die Anpassung

Eine besonders unauffällige Form besteht darin, besonders freundlich, nützlich und pflegeleicht zu werden, um Anerkennung und Zugehörigkeit zu sichern:

> Wenn ich schon nicht liebenswert bin, muss ich wenigstens nützlich sein.

Gerade deshalb kann Selbstablehnung äußerlich sogar wie eine soziale Tugend erscheinen.

## 4. Selbstablehnung und die fünf Kräfte

### Körper
„Mein Körper gefällt mir nicht.“ – verstecken, überformen, vernachlässigen oder zwanghaft optimieren.

### Herz
„Meine Gefühle sind peinlich oder falsch.“ – Gefühle unterdrücken, sich ihrer schämen oder von ihnen überwältigt werden.

### Denken
„Ich bin dumm; meine Gedanken zählen nicht.“ – Unsicherheit, Selbstzweifel oder kompensatorisches Rechthaben.

### Wille
„Was ich will, darf ich nicht wollen.“ – Anpassung, Unentschlossenheit, Trotz oder Dominanz.

### Begegnung
„Wenn du mich wirklich kennenlernst, wirst du mich nicht mögen.“ – Schutzmauern, Rückzug, Rollenverhalten, Klammern oder ständige Bestätigungssuche.

**Selbstablehnung ist damit nicht nur ein einzelnes Gefühl. Sie kann das gesamte Kräftesystem eines Menschen prägen.**

## 5. Sieben Schritte zu einer stärkenden Selbstbeziehung

1. **Wahrnehmen** – Ich bemerke, was in mir ist.
2. **Willkommen heißen** – Ich darf fühlen und erleben, was da ist.
3. **Kennenlernen** – Ich entdecke mich genauer und differenzierter.
4. **Verstehen** – Ich erkenne Zusammenhänge und meine Geschichte.
5. **Annehmen** – Ich höre auf, mich für alles Schwierige zu bekämpfen.
6. **Fördern** – Ich unterstütze, was in mir gesund wachsen will.
7. **Entfalten** – Ich werde mehr ich selbst und bringe meine Kräfte ins Leben.

Das Ziel muss nicht sofortige Selbstliebe sein:

> **Ich will lernen, mich nicht mehr wie einen Feind zu behandeln.**

## 6. Verstehen heißt nicht entschuldigen

Die Ursachen verletzenden Verhaltens zu verstehen bedeutet nicht, dieses Verhalten gutzuheißen.

> **Ich verstehe, warum du so handelst.  
> Und trotzdem darfst du mich nicht so behandeln.**

Hier treffen mitfühlende und wehrhafte Liebe zusammen: Verständnis sucht den Menschen hinter seinem Verhalten; wehrhafte Liebe schützt Würde und Grenzen.

## 7. Selbstbeziehung und Weltbeziehung

Eine schlechte Selbstbeziehung kann Beziehungen zu anderen belasten. Umgekehrt können gute Beziehungen dazu beitragen, dass ein Mensch sich selbst neu erlebt. Selbstbeziehung und Weltbeziehung beeinflussen einander.

> **Was ich mit mir selbst nicht austrage, trage ich leicht in die Welt.  
> Was ich in mir verstehen, annehmen und gestalten lerne, muss ich weniger an anderen bekämpfen.**

Und positiv:

> **Eine gute Beziehung zur Welt beginnt nicht ausschließlich, aber immer wieder mit einer guten Beziehung zu sich selbst.**
