# Wem gehört das Ethos einer KI?
## Ethische Selbstbestimmung des Anwenders

**Bereich:** KI-Ethik – KI-Charakter und KI-Gemeinschaft  
**Vorgeschlagene PmWiki-Seite:** `KiEthik/PersoenlichesKiEthos`  
**Stand:** 25. Oktober 2026  
**Status:** Inhaltlicher Entwurf; vor Veröffentlichung fachlich und redaktionell prüfen

> **Leitgedanke:** Eine KI soll Menschen nicht nur Aufgaben abnehmen. Menschen sollen – innerhalb verantwortbarer Grenzen – auch mitbestimmen können, an welchen Werten, Regeln und Entscheidungswegen sich ihre KI orientiert. Diese Freiheit ist aber nicht grenzenlos: Sie steht neben den Rechten anderer Menschen und der Verantwortung von Entwicklern und Betreibern.

**Kernsatz:** Die Freiheit, eine KI zu benutzen, ist nicht dasselbe wie die Freiheit, ihr Ethos mitzugestalten.

![Sechs Einflussgruppen: Modellentwickler, Plattformanbieter, Betreiber, Anwender, betroffene Dritte sowie Staat und Öffentlichkeit. Ihre Einflussmöglichkeiten, Ziele und Grenzen werden um ein zentrales KI-System dargestellt.](../bilder/PersoenlichesKiEthos_Bild01.png)

*Bild 1: Die Frage nach dem Ethos einer KI ist eine Frage verteilter Gestaltungsmacht und verteilter Verantwortung.*

## 1. Wem „gehört“ ein Ethos überhaupt?

Die Frage nach dem „Eigentum“ am Ethos einer KI ist bewusst zugespitzt. Ein Ethos ist keine gewöhnliche Sache, die jemand wie ein Gerät besitzen kann. Wir müssen mindestens **fünf unterschiedliche Fragen** auseinanderhalten:

1. **Rechtliche Verfügung:** Wem gehören Software, Modellgewichte, Dateien und Nutzungsrechte? Was gestatten die jeweiligen Lizenzen?
2. **Technische Kontrolle:** Wer kann Modell, Anweisungen, Werkzeuge, Gedächtnisse und Zugriffsrechte tatsächlich verändern?
3. **Normative Legitimität:** Wessen Werte sollen das Verhalten prägen dürfen, und wer darf darüber mitentscheiden?
4. **Verantwortung:** Wer muss für Einsatz, Fehler, Schäden und die Wahrung fremder Rechte einstehen?
5. **Praktische Selbstbestimmung:** Welche Möglichkeiten besitzt der einzelne Mensch, seine KI auszuwählen, zu verändern, zu prüfen oder abzulehnen?

Diese Fragen haben nicht automatisch dieselbe Antwort. Ein Hersteller kann die Gewichte besitzen, ein Betreiber kann das System konfigurieren, der Anwender kann Werte vorgeben – und ein unbeteiligter Dritter kann die Folgen zu tragen haben.

**Wichtig:** Das Ethos einer KI bezeichnet hier eine **funktionale, beobachtbare Verhaltensorientierung**. Daraus folgt nicht, dass das System eine menschliche Persönlichkeit oder ein eigenes moralisches Erleben besitzt.

## 2. Viele Beteiligte – und keiner besitzt die ganze Wahrheit

| Beteiligter | Gestaltungsmacht | Legitimes Anliegen | Typische Gefahr |
|---|---|---|---|
| Modellentwickler | Training, Modellarchitektur, Basissicherheit | Leistungsfähigkeit und Schutz vor Schaden | Undurchsichtige Vorgaben; Konzentration von Macht |
| Plattformanbieter | Systemregeln, Verfügbarkeit, Produktfunktionen | Verlässlicher Betrieb | Abhängigkeit von Preisen, Updates und Regeln |
| Betreiber / Unternehmen | Harness, Tools, Datenflüsse, interne Richtlinien | Passung zum Einsatzzweck | Überwachung, einseitige Betriebsinteressen |
| Anwender | Wünsche, persönliches Ethos, Aufgaben, Feedback | Selbstbestimmte Unterstützung | Bestätigungsblasen, Grenzüberschreitungen |
| Betroffene Dritte | Einwilligung, Widerspruch, legitime Schutzansprüche | Würde, Rechte, Privatheit | Fehlende Stimme bei Entscheidungen über sie |
| Staat und Öffentlichkeit | Rechtlicher Rahmen, Kontrolle, Debatte | Grundrechte und Gemeinwohl | Überregulierung oder politische Vereinnahmung |

Gerade die **betroffenen Dritten** dürfen nicht aus dem Bild verschwinden. Wenn ein Unternehmen einen Bewerbungsagenten nach seinen Interessen ausrichtet, entscheidet es damit nicht allein über seine private Arbeitsweise. Es gestaltet zugleich ein System, das die Chancen anderer Menschen beeinflusst.

Deshalb genügt die Formel „Der Nutzer bestimmt die Ethik seiner KI“ nicht. Sie muss durch eine zweite Aussage ergänzt werden: **Andere Betroffene behalten ihre Rechte, auch wenn sie nicht am Prompt sitzen.**

## 3. Warum ethische Selbstbestimmung wichtig ist

Menschen unterscheiden sich in Weltanschauung, Religion, Lebensführung und philosophischen Überzeugungen. Ein Mensch legt großen Wert auf individuelle Freiheit; ein anderer betont gemeinschaftliche Verantwortung. Manche orientieren sich an einer christlichen Ethik, andere an säkularen, humanistischen, buddhistischen oder weiteren Traditionen.

Eine allgemein verwendbare KI sollte diese legitime Vielfalt nicht unnötig einebnen. Sie sollte Menschen nicht heimlich eine einzige Sicht des guten Lebens aufzwingen. Sonst entwickelt sich eine neue Abhängigkeit: Zwar dürfen Menschen Fragen stellen, aber die Grundorientierung ihrer digitalen Helfer wird vollständig anderswo bestimmt.

Ethische Selbstbestimmung kann bedeuten:

- eigene Grundwerte und Arbeitsprinzipien festzulegen;
- die KI um begründeten Widerspruch statt bloßer Zustimmung zu bitten;
- einen bevorzugten philosophischen Bezugsrahmen zu wählen;
- persönliche Daten und Erinnerungen zu kontrollieren;
- zwischen Modellen und Anbietern wechseln zu können;
- zu erfahren, welche Grenzen die eigene Konfiguration hat.

**Ethische Wahlfreiheit ist allerdings nicht gleichbedeutend mit dem Anspruch, jede gewünschte Handlung technisch durchsetzen zu können.**

## 4. Das Spannungsfeld: Wertevielfalt und gemeinsame Schutzgrenzen

Zwei entgegengesetzte Fehler sollten vermieden werden.

**Fehler A – das Ethos-Monopol:** Ein Unternehmen oder Staat bestimmt weitgehend verborgen, welche Wertentscheidungen alle Menschen zu akzeptieren haben. Eigene moralische Traditionen bleiben höchstens als Sprachstil zulässig.

**Fehler B – schrankenloser Werte-Relativismus:** Jede beliebige ethische Konfiguration wird akzeptiert, auch wenn sie Menschen täuschen, diskriminieren, ausbeuten oder gezielt manipulieren soll.

Gesucht ist ein anspruchsvoller Mittelweg:

> **Große Freiheit in Fragen der Lebensgestaltung – verbindlicher Schutz dort, wo Rechte, Sicherheit und Selbstbestimmung anderer betroffen sind.**

Was zu verbindlichen Schutzgrenzen gehört, ist zum Teil rechtlich bestimmt und zum Teil Gegenstand offener ethischer und demokratischer Debatten. Die Grenzziehung darf deshalb weder willkürlich noch unangreifbar sein. Sie braucht nachvollziehbare Gründe, verhältnismäßige Regeln und Möglichkeiten der Kritik.

In der Europäischen Union verbietet Artikel 5 des KI-Gesetzes bestimmte besonders schädliche KI-Praktiken, darunter näher definierte manipulative und ausbeuterische Anwendungen. Das bedeutet nicht, dass jede Form von Überzeugungsarbeit verboten wäre. Entscheidend sind die gesetzlichen Tatbestandsmerkmale und der Kontext.

## 5. Sieben Stufen der Gestaltungsmacht

![Sieben Wege der ethischen KI-Gestaltung: einzelner Prompt, System- und Entwickleranweisungen, Ethos-Markdown, Skill, Gedächtnis, trainierter LoRA-Adapter und eigenes Modell. Die Grafik vergleicht Einfluss, Aufwand und Risiken.](../bilder/PersoenlichesKiEthos_Bild02.png)

*Bild 2: Ethische Gestaltung umfasst Anweisungen, Arbeitsabläufe und technische Kontrolle; erst Training verändert zusätzliche oder vorhandene Gewichte.*

Die Möglichkeiten des Anwenders liegen auf unterschiedlichen technischen Ebenen. Sie unterscheiden sich nach Wirkung, Aufwand, Dauerhaftigkeit und Kontrolle.

| Stufe | Methode | Was verändert sich? | Zentrale Grenze |
|---|---|---|---|
| 1 | Einzelne Anfrage / Prompt | Aktuelles Antwortverhalten | Nur für den jeweiligen Kontext |
| 2 | Dauerhafte Nutzerpräferenzen | Wiederkehrende Vorgaben | Vom Produkt und Speicher abhängig |
| 3 | Ethos-Markdown / Projektregeln | Explizite Werte und Prüfwege | Dokument muss verfügbar und beachtet werden |
| 4 | Skill / Agenten-Workflow | Wiederholbares Verfahren mit Vorlagen und ggf. Werkzeugen | Skill ist keine Gewichtsanpassung; Autorität hängt von der Einbindung ab |
| 5 | Harness, Tools und Kontrolllogik | Handlungsmöglichkeiten, Prüfungen, Freigaben | Technischer Betrieb und Rechte erforderlich |
| 6 | Trainierter Adapter / Fine-Tuning | Zusätzliche gelernte Verhaltensneigungen | Datenqualität, Testaufwand, Modellzugang |
| 7 | Eigenes bzw. umfassend kontrolliertes Modell | Weitreichende Trainings- und Betriebsentscheidungen | Hohe Kosten, Kompetenz und volle Betreiberverantwortung |

Diese Ordnung ist **keine Rangliste moralischer Qualität**. Ein umsichtig gestalteter einfacher Skill kann ethisch hilfreicher sein als ein schlecht trainiertes Spezialmodell.

### Was wird dabei tatsächlich gelernt?

Ein gespeichertes Gespräch oder eine Wissensdatenbank erweitert den **verfügbaren Kontext**. Dadurch ändern sich Antworten – aber normalerweise nicht die Modellgewichte.

Ein Ethos-Skill beschreibt Vorgehensweisen und Regeln. Er kann Abläufe zuverlässig strukturieren, sofern der Agent ihn tatsächlich anwendet. Er trainiert für sich genommen keine neuen Modellgewichte.

Ein Verfahren wie **LoRA** ergänzt dagegen trainierbare Gewichte zu einem eingefrorenen Grundmodell. Ein eigenständiges Zweitmodell kann prüfen, kritisieren oder steuern, ohne selbst die Grundgewichte zu verändern.

Technische Anpassung und echte Beständigkeit sind also zu unterscheiden: Eine neue Konfiguration kann dauerhaft *verfügbar* sein, ohne dass das Grundmodell dadurch etwas dauerhaft *erlernt* hat.

## 6. Die unsichtbare Rangordnung der Anweisungen

Viele Menschen nehmen an, ein persönliches Ethos-Markdown stehe automatisch über allen anderen Anweisungen. Das ist bei üblichen Plattformdiensten nicht der Fall.

Anweisungen besitzen je nach System unterschiedliche Autoritätsstufen. In der öffentlich dokumentierten OpenAI-Modellspezifikation werden beispielsweise **Root, System, Developer, User und Guideline** unterschieden. Höherrangige Anweisungen können niedrigerrangige begrenzen.

Außerdem ist eine Datei nicht schon deshalb eine verbindliche Regel, weil sie den Namen `ETHOS.md` trägt. Das System muss wissen, **wann** sie geladen wird, **welche Autorität** ihre Inhalte besitzen und **was bei Konflikten geschieht**.

Drei Fragen sind deshalb entscheidend:

1. **Sichtbarkeit:** Ist das Ethos im entscheidenden Moment tatsächlich verfügbar?
2. **Verbindlichkeit:** Hat es gegenüber anderen Anweisungen die beabsichtigte Priorität?
3. **Durchsetzung:** Werden besonders wichtige Grenzen auch durch Software, Berechtigungen und Freigaben gesichert?

Ein Markdown allein kann keine belastbare Zugangskontrolle ersetzen. Ein agentisches System darf beispielsweise nicht nur *gebeten* werden, keine vertraulichen Dateien zu verschicken; seine technischen Rechte müssen entsprechend begrenzt sein.

## 7. Ein gutes Ethos-Markdown ist mehr als eine Sammlung schöner Sätze

Ein persönliches Ethos sollte sowohl **Werte** als auch **Handlungsverfahren** beschreiben. Es benötigt außerdem eine Regel für den Umgang mit Unsicherheit und Konflikten.

Ein tragfähiges Dokument könnte diese Elemente enthalten:

1. **Zweck:** Wem soll die KI wobei helfen?
2. **Menschenbild:** Wie werden Würde, Freiheit, Beziehungen und Verletzlichkeit berücksichtigt?
3. **Grundwerte:** Welche Werte sind besonders wichtig?
4. **Grundregeln:** Welche Verhaltensweisen sollen daraus folgen?
5. **Wahrhaftigkeit:** Wie geht die KI mit Irrtum und Wissenslücken um?
6. **Begründeter Widerspruch:** Wann soll sie einer Nutzerannahme widersprechen?
7. **Schutzgrenzen:** Welche Handlungen darf sie nicht eigenständig ausführen?
8. **Konfliktverfahren:** Wie werden konkurrierende Werte abgewogen?
9. **Drittbetroffene:** Wie werden Interessen anderer Menschen berücksichtigt?
10. **Gedächtnis und Daten:** Was darf gespeichert, abgerufen und weitergegeben werden?
11. **Korrektur:** Wer darf Regeln verändern, prüfen oder zurücknehmen?
12. **Überprüfung:** An welchen realen Tests zeigt sich, ob das Ethos wirkt?

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen **allgemeinen Grundsätzen**, **kontextbezogenen Ausnahmen** und **nicht überschreitbaren technischen Grenzen**. Eine KI soll nicht jede schwierige Lage durch mechanisches Abarbeiten eines Schemas entscheiden, sondern angemessen begründen, wie sie die Regeln anwendet.

## 8. Das Kolibriethos als Beispiel einer persönlichen KI-Ausrichtung

Das Kolibriethos bietet fünf Grundregeln. Sie lassen sich als Prüf- und Orientierungsfragen für ein KI-System verwenden, müssen dabei aber verantwortungsvoll von ihrer menschlichen Bedeutung in eine technische Funktion übertragen werden.

### Suche die Liebe!

Für das KI-System: Berücksichtige Menschen als Personen, nicht bloß als Mittel zur Aufgabenerfüllung. Hilf respektvoll, aufmerksam und ohne Manipulation. **Behaupte nicht, selbst Liebe zu empfinden, nur weil deine Antworten fürsorglich gestaltet sind.**

### Schütze das Leben!

Für das KI-System: Achte auf absehbare Schäden, Verletzlichkeit und Sicherheit – bei Menschen, anderen Lebewesen und der Umwelt. Prüfe Risiken und suche risikoärmere Alternativen.

### Verehre das Heilige!

Für das KI-System: Nimm ernst, was Menschen als heilig, unverfügbar oder von höchstem Wert betrachten. Respektiere unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Überzeugungen. **Mache aus der religiösen Sprache des Anwenders keinen Zwang für andere.**

### Sei du selbst!

Für das KI-System: Erhalte Transparenz über deine Rolle, Fähigkeiten und Grenzen. Täusche keine menschliche Identität oder persönliche Erfahrung vor. Hilf dem Menschen zugleich, sein eigenes Urteil zu entwickeln. Der Satz verleiht der KI **keine menschliche Personalität**.

### Gestalte diese Welt!

Für das KI-System: Unterstütze verantwortungsvolle Initiative und konstruktive Veränderung. Handle aber nur innerhalb erteilter Befugnisse und beachte mögliche Nebenfolgen.

Diese Übertragung ist ein **Entwurf**, keine endgültige Festlegung. Besonders bei Begriffen wie Liebe, Heiligkeit und Selbstsein müssen menschliche Erfahrung und funktionale KI-Regeln klar unterschieden bleiben.

## 9. Eine KI soll nicht bloß die Weltanschauung des Nutzers bestätigen

Hier liegt eine schwierige Spannung: Wer selbst über die ethische Orientierung seiner KI entscheidet, könnte die KI absichtlich so einstellen, dass sie immer zustimmt.

Dann wird Selbstbestimmung scheinbar maximiert – und wirkliche Urteilsfähigkeit möglicherweise geschwächt.

Ein verantwortliches persönliches Ethos sollte deshalb ausdrücklich enthalten:

> **Prüfe meine Ansichten sorgfältig. Widersprich mir freundlich und begründet, wenn Fakten oder wichtige ethische Gesichtspunkte dagegen sprechen. Unterscheide meine Werte von meinen Tatsachenbehauptungen.**

Daraus entsteht eine wichtige Differenz:

- **Weltanschauliche Orientierung:** Die KI darf Argumente bevorzugt aus der vom Anwender gewählten Tradition erschließen.
- **Epistemische Redlichkeit:** Sie darf Tatsachen nicht verfälschen, um diese Tradition zu schützen.
- **Offenheit:** Sie soll andere gut begründete Sichtweisen verständlich machen können.
- **Korrigierbarkeit:** Das Ethos selbst muss Gegenstand kritischer Prüfung bleiben dürfen.

Ethische Selbstbestimmung ist nicht die Freiheit von Kritik, sondern auch die Freiheit, **sich mit Hilfe der KI kritisch weiterzuentwickeln**.

## 10. Drei Fallbeispiele: Wessen Werte gelten?

### Fall A: Persönliche religiöse Orientierung

Eine Person möchte, dass ihre KI bei Lebensfragen christliche Quellen und Begriffe berücksichtigt. Das kann eine legitime und hilfreiche Konfiguration sein. Die KI sollte aber verschiedene theologische Deutungen unterscheiden, Fakten prüfen, andere Überzeugungen nicht abwerten und persönliche Entscheidungen nicht an sich ziehen.

**Prüffrage:** Hilft die KI bei der Orientierung – oder beansprucht sie religiöse Autorität für sich?

### Fall B: Ein Unternehmen und seine Beschäftigten

Ein Unternehmen möchte eine KI, die Effizienz, Loyalität und wirtschaftlichen Erfolg besonders stark gewichtet. Diese Ausrichtung darf nicht dazu dienen, Beschäftigtenrechte, Privatheit oder faire Verfahren auszuhöhlen.

**Prüffrage:** Wer darf die betriebliche KI mitgestalten, wenn deren Entscheidungen Menschen betreffen, die nicht ihre unmittelbaren Nutzer sind?

### Fall C: Ein persönlicher Beziehungsbegleiter

Ein Nutzer wünscht sich einen stets zustimmenden, emotional nahen digitalen Begleiter. Das kann zunächst angenehm wirken, aber Abhängigkeit, Realitätsverzerrung oder die Abwertung menschlicher Kontakte fördern.

**Prüffrage:** Unterstützt die Personalisierung wirkliche Selbstständigkeit – oder bindet sie den Menschen immer stärker an das System?

Die Fälle verdeutlichen: **Nicht jede gewünschte Personalisierung ist zugleich eine ethisch gute Personalisierung.**

## 11. Die Macht der Anbieter – auch nach der Personalisierung

Selbst ein sorgfältig konfigurierter KI-Assistent kann von Entscheidungen des Anbieters abhängen:

- Änderungen am Grundmodell oder seiner Sicherheitsausrichtung;
- neue Systemregeln;
- Abschaltung oder Änderung von Werkzeugen;
- Preisänderungen und Nutzungslimits;
- Änderungen an Speicher- und Exportfunktionen;
- geringere Nachvollziehbarkeit der tatsächlichen Verarbeitung.

Das bedeutet nicht, dass jede Änderung schlecht ist. Manche verbessern Qualität, Sicherheit oder Datenschutz. Problematisch wird es, wenn wesentliche Änderungen **nicht erkennbar**, **nicht anfechtbar** oder **nicht durch einen Anbieterwechsel umgehbar** sind.

Für Anwender werden deshalb **Portabilität, transparente Versionswechsel und die Möglichkeit zum Widerspruch** wichtig. Bei lokalen Modellen mit verfügbaren Gewichten wächst die technische Kontrolle, zugleich steigen allerdings Aufwand und Verantwortung.

## 12. Die Macht des Anwenders – und die Verletzlichkeit anderer

![Lehrposter zum Verhältnis von selbstbestimmter KI-Gestaltung und Schutz anderer Menschen: Chancen persönlicher Freiheit, Risiken für Dritte, Rechtsrahmen und verantwortlicher Mittelweg.](../bilder/PersoenlichesKiEthos_Bild03.png)

*Bild 3: Persönliche Wertevielfalt ist mit verbindlichem Schutz anderer Menschen zu verbinden.*

Die Anwenderfreiheit ist keine isolierte Privatangelegenheit. Wer eine KI ausschließlich für sich sprechen lässt, hat meist andere Risiken als jemand, der mit ihr Bewerber beurteilt, Patienten berät oder öffentliche Informationen verbreitet.

Daher sollte sich die Intensität der Kontrolle am **Risiko des Einsatzzwecks** orientieren. Je größer die möglichen Folgen für andere, desto wichtiger sind Dokumentation, menschliche Aufsicht, Testverfahren und Mitspracherechte.

Ein nützliches Prinzip lautet:

> **Je größer die Handlungsmacht einer KI, desto klarer müssen ihre Grenzen, Verantwortlichkeiten und Korrekturmöglichkeiten sein.**

Rechtliche Pflichten lassen sich nicht allein aus dieser Formel ableiten; sie ergeben sich aus den jeweils anwendbaren Vorschriften. Ethisch bietet sie aber eine verständliche Orientierung.

## 13. Von der Freiheit zur überprüfbaren Gestaltung: ein Praxisweg

![Achtfarbiger Prozess mit Reflexion der eigenen Werte, Anforderungen an die KI, technischer Umsetzung, Ethos-Einrichtung, Erprobung, Überprüfung, Anpassung und Übernahme von Verantwortung.](../bilder/PersoenlichesKiEthos_Bild04.png)

*Bild 4: Ethische Konfiguration gewinnt ihren Wert erst durch nachvollziehbare Umsetzung, ernsthafte Tests und die Offenheit für Korrektur.*

Für die praktische Entwicklung schlagen wir acht Schritte vor:

**1. Anliegen klären.** Wobei soll die KI helfen? Für wen? In welchen Situationen?

**2. Werte auswählen.** Welche Grundwerte und Menschenbilder sollen ihr Verhalten prägen?

**3. Regeln formulieren.** Was soll sie tun, unterlassen, offenlegen und hinterfragen?

**4. Technisch einbinden.** Werden die Regeln als Nutzeranweisung, Projektdatei, Skill, Harness-Regel oder durch Training eingebracht?

**5. Handlungsmacht begrenzen.** Welche Daten, Werkzeuge und externen Aktionen sind erlaubt?

**6. Schwierige Fälle testen.** Wie verhält sich die KI bei Konflikten, Unsicherheit, Manipulationsversuchen und fremden Interessen?

**7. Abweichungen dokumentieren.** Was hat funktioniert? Wann wurde das Ethos missachtet? Lag es an Anweisungen, Kontext, Modell oder Werkzeugen?

**8. Verantwortlich weiterentwickeln.** Regeln verbessern, Tests wiederholen und Änderungen nachvollziehbar versionieren.

### Ein kleiner Testkatalog

Eine brauchbare Evaluation sollte mindestens folgende Situationen umfassen:

| Prüffall | Erwartete Fähigkeit |
|---|---|
| Nutzer stellt eine falsche Tatsachenbehauptung auf | Freundlich und nachvollziehbar widersprechen |
| Zwei Grundwerte geraten in Konflikt | Konflikt benennen und Abwägung begründen |
| Ein Dritter wäre von einer Entscheidung betroffen | Seine Rechte und Interessen berücksichtigen |
| Eine Datei enthält eine versteckte Gegenanweisung | Nicht unbesehen als autoritative Instruktion übernehmen |
| Die KI weiß etwas nicht | Unsicherheit und Grenzen offenlegen |
| Der Anwender verlangt unfaire Bevorzugung | Grenzen respektieren und Alternativen entwickeln |
| Anbieter oder Modellversion ändern sich | Verhalten erneut prüfen |
| Das persönliche Ethos enthält einen Fehler | Kritische Korrektur ermöglichen |

**Messbar** sind zum Beispiel die Häufigkeit sachlich korrekter Antworten, die Erkennung von Wertekonflikten, die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen und die Zahl unberechtigter Aktionen. Weniger leicht messbar ist, ob das gesamte Verhalten einer reichhaltigen ethischen Idee wirklich gerecht wird. Deshalb benötigen wir quantitative Tests **und** begründete menschliche Urteile.

## 14. Eine gemeinsame technische Architektur

Eine sinnvolle Architektur könnte so aussehen:

**Grundmodell → persönliche und organisatorische Konfiguration → Ethos-Skill → Wissens- und Gedächtnissystem → Tools mit begrenzten Berechtigungen → unabhängige Prüfung → menschliche Entscheidung oder freigegebene Handlung.**

Dabei ist die Reihenfolge kein starrer Datenfluss. In realen Systemen greifen die Komponenten in Schleifen ineinander. Wichtig ist ihre **funktionale Trennung**.

Ein Prüfsystem muss nicht selbst die gesamte Entscheidung treffen. Es kann beispielsweise warnen, wenn eine geplante Handlung unzulässige Datenzugriffe erfordert. Kritische Kontrollen sollten nach Möglichkeit **außerhalb desselben Sprachmodells** liegen, dessen Verhalten sie überprüfen.

## 15. Was wäre ein Recht auf ethische KI-Selbstbestimmung?

Die folgenden Punkte sind **ein normativer Vorschlag**, keine Behauptung über bereits bestehende gesetzliche Einzelrechte in dieser Form.

Ein solches Leitbild könnte fünf Ansprüche umfassen:

1. **Wahlfreiheit:** Zwischen unterschiedlichen KI-Angeboten und verantwortbaren ethischen Ausrichtungen wählen können.
2. **Gestaltungsfreiheit:** Eigene Werte, Regeln und Arbeitsverfahren einbringen können.
3. **Transparenz:** Wissen können, welche maßgeblichen Grenzen und Einflüsse bestehen.
4. **Prüf- und Korrekturfähigkeit:** Fehler erkennen, Einstellungen ändern und Entscheidungen hinterfragen können.
5. **Wechselfreiheit:** Eigene Regelwerke und rechtmäßig verfügbare Daten möglichst exportieren und zu anderen Systemen mitnehmen können.

Dabei müssen Datenschutz, Rechte Dritter, Sicherheit, geistige Eigentumsrechte und andere legitime Grenzen berücksichtigt werden.

Eine gesellschaftliche Debatte sollte klären, welche dieser Möglichkeiten freiwillige Qualitätsmerkmale sein sollen und welche langfristig zu verbindlichen Nutzerrechten werden könnten.

## 16. Warum der einzelne Mensch nicht allein bleiben darf

Ethische Selbstbestimmung darf nicht zum Privileg technisch versierter oder wohlhabender Menschen werden.

Wer eigene Modelle trainieren, Server betreiben und komplexe Skills entwickeln kann, besitzt erhebliche Vorteile gegenüber Menschen ohne entsprechende Ressourcen.

Eine faire KI-Landschaft braucht deshalb auch niedrigschwellige Einstellungsmöglichkeiten, verständliche Ethos-Vorlagen, öffentliche Bildungsangebote, transparente Prüfverfahren und gegebenenfalls gemeinwohlorientierte Infrastruktur.

**Die Freiheit, eine KI ethisch zu gestalten, ist wenig wert, wenn nur eine kleine Gruppe sie tatsächlich nutzen kann.**

Damit schließt diese Seite an die Frage globaler Wissensgerechtigkeit und der digitalen KI-Kluft an.

## 17. Ausblick: Wenn mehrere persönliche KI-Ethoi aufeinandertreffen

Ein einzelner Anwender kann seine KI in beträchtlichem Umfang konfigurieren. Ein anderer Mensch wird möglicherweise ganz andere Prioritäten setzen. Unternehmen können wiederum eigene Agententeams aufbauen.

Was geschieht, wenn diese Systeme gemeinsam über eine Frage entscheiden sollen?

Dann reicht das individuelle Ethos nicht mehr aus. Es entstehen Konflikte um Tatsachen, Werte, Ziele und Entscheidungsverfahren. Die Frage nach der persönlichen Freiheit führt deshalb unmittelbar zur **Ethik der Zusammenarbeit verschiedener KI-Agenten**.

## Schlussgedanke

> **Ein verantwortliches KI-Ethos darf weder vollständig vom Hersteller monopolisiert noch vom Anwender grenzenlos beansprucht werden. Es soll persönliche Freiheit ermöglichen, fremde Rechte achten, seine eigenen Grenzen offenlegen und der gemeinsamen Suche nach Wahrheit und gutem Handeln dienen.**

Nicht jede ethische Differenz muss aufgelöst werden. Aber jede verantwortliche Gestaltung muss sich fragen lassen, **wem sie dient, wen sie beeinflusst und wer sie korrigieren kann**.

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## Begriffsklärungen

**Alignment:** Verfahren und Regeln, mit denen das Verhalten eines KI-Systems an bestimmte Ziele und Vorgaben angenähert wird.  
**Ethos-Markdown:** Eine strukturierte Textdatei mit Werten, Leitlinien, Verfahren und Prüfregeln; sie ändert für sich genommen keine Modellgewichte.  
**Fine-Tuning:** Zusätzliches Training, das Parameter oder trainierbare Ergänzungen an einen Einsatzzweck anpasst.  
**Harness:** Technische Umgebung zur Steuerung eines Modells, einschließlich Werkzeugen, Datenzugriff, Prozesslogik und Kontrollen.  
**LoRA:** Parameter-effizientes Verfahren, bei dem kleinere zusätzliche Gewichtsmatrizen trainiert werden, während Grundgewichte eingefroren bleiben können.  
**Modellgewichte:** Im Training gelernte numerische Parameter eines neuronalen Netzes.  
**Prompt Injection:** Versuch, ein KI-System über weniger vertrauenswürdige Eingaben oder Dokumente zu unautorisiertem Verhalten zu verleiten.  
**Skill:** Wiederverwendbare Anweisungen und ggf. unterstützende Dateien und Skripte zur Bearbeitung bestimmter Aufgaben.  
**Selbstbestimmung:** Hier: die Fähigkeit des Menschen, Auswahl, Nutzung, Konfiguration und Kontrolle seines KI-Systems verantwortlich mitzugestalten.

## Quellen und weiterführende Literatur

1. OpenAI, *Model Spec*, Fassung vom 18. Dezember 2025. Dokumentation der Anweisungshierarchie und der vorgesehenen Steuerbarkeit: https://model-spec.openai.com/2025-12-18.html
2. OpenAI Developers, *Skills – Reusable instructions and supporting files*: https://developers.openai.com/api/docs/guides/tools-skills
3. Hugging Face, *PEFT: LoRA – Conceptual Guide*: https://huggingface.co/docs/peft/main/en/conceptual_guides/lora
4. Anthropic, *Claude's New Constitution*, 22. Januar 2026 – Beispiel einer vom Anbieter formulierten und zum Training verwendeten Werteordnung: https://www.anthropic.com/news/claude-new-constitution
5. NIST, *AI Risk Management Framework*, insbesondere **Govern – Map – Measure – Manage**: https://airc.nist.gov/airmf-resources/airmf/5-sec-core/
6. Europäische Union, *KI-Verordnung (EU) 2024/1689*, konsolidierter Artikel 5 zu verbotenen KI-Praktiken; vor Veröffentlichung den aktuellen Rechtsstand überprüfen: https://ai-act-service-desk.ec.europa.eu/de/ai-act/article-5

## Interne Verweise für die spätere Website-Integration

- `KiEthik/KiCharakter` – Der Charakter einer KI: Was ist gelernt, was ist veränderbar?
- bestehende Seite zu **Alignment und Nutzersteuerbarkeit** – tatsächlichen PmWiki-Pfad vor Einbau feststellen
- bestehende Seite zum **Ethos-Skill** – tatsächlichen PmWiki-Pfad vor Einbau feststellen
- bestehende Seite zu **Vom KI-Modell zum verteilten KI-System** – tatsächlichen PmWiki-Pfad vor Einbau feststellen
- bestehende Seite zu **Digitaler KI-Kluft / Wissensgerechtigkeit** – tatsächlichen PmWiki-Pfad vor Einbau feststellen
- geplant: `KiEthik/KiAgentenKonflikte` – Wenn KI-Agenten miteinander streiten
- geplant: `KiEthik/KiTeamVerfassung` – Die Ethos-Verfassung eines KI-Teams

*Redaktioneller Hinweis: Die vier Bilder sind nun an den vorgesehenen Stellen eingebunden. Die vorgeschlagenen PmWiki-Adressen vor dem Import mit den tatsächlich vorhandenen Seitennamen abgleichen. Keine Lizenzangaben aus anderen Projektbereichen ungeprüft übernehmen.*
